Mann klettert auf Obstbaum Mann klettert auf Obstbaum
Garten, Wissen

Weidehaltung nicht weit vom Stamm

Sarah Satt
Januar 20, 2026

Am Mostviertler Biohof von Familie Huber weiden Wagyu- und Murbodner Rinder zwischen alten Apfel- und Birnbäumen. Als traditionelle Agroforstsysteme zeigen Streuobstwiesen, wie sich Landwirtschaft und Naturschutz verbinden lassen.

Familie auf einer Weide im Hintergrund die Berge
© Steffan Knittel

Martin Huber macht für seinen Vater Karl die Räuberleiter. Der junggebliebene Senior verschwindet für einen Augenblick zwischen den schwer behangenen Ästen des Apfelbaums, bevor er aus dessen Krone wieder auftaucht. Einmal kräftig schütteln, schon regnet es Äpfel. Wieder am Boden, überzeugt sich der Landwirt von der Qualität des Obstes. „Ich esse fast jeden Tag einen Apfel“, sagt Karl und schmunzelt – schließlich ist er an der Quelle. Rund um den Biohof Zillach wachsen Apfel- und Birnbäume – darunter alte Sorten wie Herbstrenette, Blinau, Perner Rose, Winowitz, Grüne und Rote Pichlbirne – in vielfältigem Nebeneinander mit Zwetschken-, Kirsch- und Kriecherlbäumen. Viele der hochstämmigen Obstbäume seien bereits sehr alt gewesen, als sein Vater den Betrieb 1968 gekauft hat, erzählt Karl. Früher dienten solche Streuobstwiesen vor allem der Eigenversorgung, heute liefert Familie Huber zur Saison zweimal wöchentlich Fallobst an die Sammelstelle in Kematen – montags Äpfel, donnerstags Birnen. Noch am selben Tag werden diese zu Saft für den Ja! Natürlich Bio-Apfel-Birnen-Saft gepresst. Die Wiesen, auf denen die 180 zum Betrieb zählenden Obstbäume und Sträucher stehen, erfüllen aber noch einen weiteren Zweck: Sie dienen als Weide und Futterquelle für 20 Wagyu- und 14 Murbodner Rinder.

„Wir arbeiten mit der Natur, nicht dagegen – da musst du dich anpassen.“
Karl Huber

Rinderzüchter:innen und Obstproduzent:innen aus Leidenschaft

Früher wurde der Hof von Familie Huber als Milchviehbetrieb mit Kalbinnenaufzucht geführt. Auf bio haben Karl und seine Frau Leopoldine bereits 1992 umgestellt. „In Sachen Masse kann man sowieso nicht mithalten, dann lieber bei der Qualität“, erklärt der Landwirt. Außerdem habe ihm die Philosophie vom Arbeiten mit der Natur, nicht gegen sie, von Anfang an gefallen. Im März 2015 hat mit Martin und Isabella Huber die nächste Generation im Nebenerwerb übernommen. Um sich von den Milchpreisen unabhängig zu machen, schaute sich das Paar nach Alternativen um – und landete bei einem Wagyu-Züchter in Oberösterreich. „Als Betrieb wachsen und mehr Flächen dazupachten war für uns keine Option“, so die Landwirtin. „Stattdessen möchten wir das, was wir haben, mit Leidenschaft betreuen.“ Im Dezember 2016 hielten die ersten Wagyu-Rinder auf den hofeigenen Streuobstwiesen Einzug. Im darauffolgenden Frühling war auch der neue Laufstall für die Wagyus und das Fleckvieh-Jungvieh bezugsfertig. Heute stehen die Zucht der reinrassigen Wagyu-Rinder und die Direktvermarktung ihres hochwertigen Fleisches im Mittelpunkt des Bio-Betriebs. Von Frühjahr bis Herbst verbringen die Tiere jeden Tag auf der Weide zwischen den Obstbäumen. Im Winter kommen sie, je nach Witterung, mindestens zweimal pro Woche in den Auslauf. Davon können sich auch die Gäste ein Bild machen, die Isabella Huber im Sommer jeden Freitag zu Veranstaltungen auf den Hof lädt, wo sie hausgemachte Wagyu-Burger serviert. Das Mostobst der eigenen Streuobstwiesen stellt für die vier Generationen, die am Hof zusammenleben, eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle dar.

Äpfel in einem Korb
© Steffan Knittel
Kuh auf einer Weide im Hintergrund die Landschaft
© Steffan Knittel
„Wir möchten das, was wir haben, mit Leidenschaft betreuen“
Isabella Huber

Streuobstwiesen: klassische Agroforstsysteme wiederentdeckt

Streuobstwiesen sind wahre Schätze der heimischen Kulturlandschaft – und hierzulande das bekannteste Agroforstsystem. Der Begriff Agroforst bezeichnet die gezielte Kombination von Bäumen mit Grünland oder Ackerkulturen, wie sie sich in vielen Teilen der Welt über Jahr – hunderte bewährt hat. Die wechselseitigen Vorteile sind vielfältig: Als Schattenspender schützen Bäume den Boden vor Austrocknung und Erosion. Ihre Wurzeln erschließen im Boden Nährstoffe und fördern da – durch dessen Fruchtbarkeit. Auch für die Tier- und Pflanzenwelt bringt die kombinierte Nutzung viele Vorteile. Im Kampf gegen den Klimawandel wird Agroforst deshalb als zukunftsfähige Bewirtschaftungsmethode wiederentdeckt. So auch am Biohof Zillach. Die Streuobstwiesen bieten den Rindern von Familie Huber neben großzügigem Auslauf eine reiche Futterzusammenstellung aus Gräsern, Klee und Kräutern wie Schafgarbe und Spitzwegerich. „Da – mit die Tiere immer frisches Futter haben, stecken wir die Koppel jeden Tag zweimal um“, erzählt Isabella Huber. Nur was nicht gefressen wird, wird abgemäht. Für die Landwirt:innen reduziert sich so der Maschineneinsatz. Gleichzeitig schafft die Mahd der Streuobstwiesen wertvolle Rück – zugs- und Lebensräume für Hasen, Rehkitze, Insekten und Vogelarten. Sohn Christoph kennt Gimpel, Kohlmeise, Feldsperling und Co nicht nur dem Namen nach, sondern erkennt die meisten sogar an ihrem Gesang.

Naturschatz Streuobstwiesen

Leuchtende Glühbirne als schwarzes Icon auf weißem Hintergrund

1

Bewahrt alte Obstsorten & Fördert die Artenvielfalt
Leuchtende Glühbirne als schwarzes Icon auf weißem Hintergrund

2

Dient Tieren als Lebensraum und Nahrungsgrundlage & Prägt die Kulturlandschaft
Leuchtende Glühbirne als schwarzes Icon auf weißem Hintergrund

3

Verbessert die Bodenstruktur und -fruchtbarkeit
Leuchtende Glühbirne als schwarzes Icon auf weißem Hintergrund

4

Schützt vor Erosion
Bio-Saft in einem Korb mit Äpfeln und Birnen
© Steffan Knittel

Streuobsternte ist Familiensache

Mit vereinten Kräften sind die Äpfel, die Karl vom Baum gerüttelt hat, rasch eingesammelt und verstaut. Bis zu 5.000 kg Birnen und 2.500 kg Äpfel erntet Familie Huber jeden Herbst. Zur Erntezeit, wenn fast täglich reifes Fallobst geklaubt wird, packen nicht nur die Kinder von Isabella und Martin – Christoph, Gabriel, Elias und Marlies – mit an, oft hilft auch die weitere Verwandtschaft mit. Das Obst wird bereits beim Aufklauben auf seine Qualität geprüft und in Steigen und Körben gesammelt. Vom Baum gepflückt werden nur die Lageräpfel für den Eigenbedarf. Beim Sammeln kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an, weiß Isabella Huber: „Alles, was auf der Wiese liegt, hält. Ist es einmal zusammen – geklaubt, bekommt das Obst schnell Druckstellen.“ Deshalb könne Mostobst frühestens ein bis zwei Tage vor dem Pressen gesammelt werden. Einen Teil der Birnen veredelt Familie Huber im eigenen Dörrhaus zu Kletzenbirnen. Aussortierte Früchte werden an die zwei hofeigenen Schweine verfüttert.

Bio-Birne in einer Hand
© Steffan Knittel

Bio-Apfelsaft: naturbelassene Erfrischung und Geheimzutat

Alte Mostapfel- und -birnensorten sind intensiv aromatisch und geschmacklich eher herb. Sie enthalten mehr Gerbstoffe und weniger Zucker als Tafelobst. Dank ihrem hohen Säuregehalt sind die daraus gepressten Bio-Säfte ohne Konservierungsstoffe haltbar. Bei Familie Huber kommt der Bio-Apfelsaft auch in Apfelkuchen und Apfelpudding zum Einsatz. Für einen besonders saftigen und aromatischen Apfelstrudel hat Isabella Huber einen Geheimtipp: Sie ersetzt das Wasser im Strudelteig durch 125 ml Apfelsaft auf 400 g Mehl

Kommentare